Dr. med. Hans Sommerfeld (1894-1965).

Erinnerungen. Episoden. Ereignisse. Lebensläufe. Momentaufnahmen.

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Dr. med. Hans Sommerfeld (1894-1965).

Beitragvon -sd- » 09.11.2007, 01:13

Indem ich mich mit meinem vollständigen Namen vorstellte, fragte mich die Dame:
"Sind Sie mit dem Doktor Sommerfeld verwandt ?"
"Das weiß ich noch nicht", entgegnete ich und wendete mich erst einmal wieder den neben ihr Sitzenden zu.
Wir saßen an der langen Geburtstagstafel ziemlich weit auseinander, also wartete ich auf eine Gelegenheit,
das Gespräch mit Frau Surenbrock noch einmal wieder aufzunehmen.

"Welchen Sommerfeld meinen Sie denn ?" fragte ich sie später. Und nun entwickelte sich ein Gespräch,
bei dem wir schließlich übereinstimmend feststellten, wie klein doch die Welt ist.

Sie kannte die in Hamburg lebende Enkelin der früheren Hebamme Lotti Hochgräfe, mit der Dr. Hans Sommerfeld
im mecklenburgischen Hagenow gemeinsam viele Kinder zur Welt gebracht hatte. Der Vater dieser Enkelin war
- wie ich beiläufig erfuhr - 'Nachkriegs-Bürgermeister' in meiner früheren Heimatstadt Uelzen,
und der Name Hochgräfe war mir durchaus geläufig.

Dies wurde einer jener geselligen Abende, bei denen sich meine Frau auf dem Nachhauseweg erkundigte,
worüber ich mich denn so ungewöhnlich lange mit jener älteren, mir völlig unbekannten Dame unterhalten hätte.
Diesmal ging es um

Dr. med. Hans Sommerfeld,

Sohn jüdischer Eltern, am 24. November 1894 in Luckenwalde geboren, ein getaufter Jude,
also zum christlichen Glauben übergetreten.
Studium der Medizin in Berlin. 1914 Kriegsfreiwilliger / beinamputiert.
Berufstätigkeit an derCharitée in Berlin.

Hans Sommerfeld heiratet am 28. Oktober 1922 in Berlin die aus Pommern stammende Krankenschwester
Margarete Swolinsky (* 4. April 1892 in Greifenhagen) und zieht noch im gleichen Jahr nach Hagenow /
Mecklenburg. Übernimmt dort die Praxis der Frau Mendel Ww. und ist in Hagenow als Arzt und Geburtshelfer
tätig.

Am 9. August 1923 wird der erste Sohn Dieter in Hagenow geboren, am 27. Oktober 1925 der Sohn Klaus.

1938 eröffnet Hans Sommerfeld in Hagenow gegenüber dem Mendel'schen Haus eine eigene Praxis,
muß diese jedoch als Folge der Reichskristallnacht wieder aufgeben, lagert seine Möbel in einem Speicher ein
und siedelt nach Hamburg über. Er darf seinen Arztberuf nicht mehr ausüben.
Ein Kind, das sie in Pflege haben, müssen sie - weil sie Juden sind - abgeben.

Die Familie Sommerfeld wohnt in Hamburg in der Görnestraße und wird in all den Jahren
- von 1938 bis 1945 - , weil Hans Sommerfeld keiner Berufstätigkeit nachgehen darf,
von Swulinski, einem Sozialdemokraten, 'über Wasser gehalten'.

Eine Mutter, ein Kind erwartend, erinnert sich in ihrer Not, daß in der Nachbarschaft ein jüdischer Arzt
und Geburtshelfer wohnt. Sommerfeld eilt durch den Görnepark, den er - weil er Jude ist - nicht mehr
betreten darf. Er wird beobachtet und tags drauf denunziert.

Hans Sommerfeld darf am 10. Juli 1945 mit Genehmigung der Briten nach Hagenow fahren, um sein
eingelagertes Mobilar zu holen und kann am 10. August 1945 in Hamburg, Eppendorfer Straße 33, erneut
eine eigene Praxis eröffnen. Haushilfe und Dienstmädchen ist Sigrid Ehlers, Tochter des Rechtsanwalts Ehlers.
Sigrid, geboren am 14. Februar 1926, heiratet später den ältesten Sommerfeld-Sohn Dieter.

Weil die Sommerfeld-Söhne Dieter und Klaus als Halbjuden zählen, dürfen sie keine öffentliche Schule
besuchen und müssen ihr Abitur extern absolvieren. Dieter beherrscht sieben Sprachen und wird
als Sprachlehrer kriegsverpflichtet.

Beide kommen ins KZ und werden 1945 - bereits auf der Liste der zu Vergasenden - von den Briten befreit.
Dieter studiert Jura, Klaus Medizin und übernimmt später die Arztpraxis des Vaters in Hamburg-Eppendorf.

Dieter, der ältere der beiden Sommerfeld-Söhne, gelähmt und an den Rollstuhl gebunden, wird nach
seinem Jura-Studium Mitarbeiter der hamburgischen Finanzbehörde und ist schließlich Oberregierungsrat
im Bereich Zwangsvollstreckung. Er zieht nach seiner Zwangspensionierung rastlos 'alle zwei Jahre' um,
wohnt im Schwarzwald und schließlich in Uelzen in den Krug'schen Neubau-Wohnungen in der Mauerstraße.
1985, nach erneutem Umzug, diesmal nach Reinbek bei Hamburg, beendet er acht Wochen später sein Leben
durch Selbstmord. Seine Frau lebt heute im Hamburg-Niendorf.



Weil ich mit dem PKW unterwegs war, war ich angesichts der winterlichen Temperaturen
viel zu dünn bekleidet und hatte nur Halbschuhe an. Ich war kurz am Grab meiner Mutter,
und da ich nun schon einmal da war, stiefelte ich durch den den verschneiten Ohlsdorfer Friedhof
und fand bald die Grabstätte, nach der ich suchte.
Auf dem schlichten Grabmal lagen ein paar Steine, und da stand es:

FAMILIE
SOMMERFELD
Dr. med HANS
* 24. 11. 1894
+ 24. 5. 1965


Der erste Vorfahr dieses Namens ist der um 1775 in Putzig (Westpreußen) geborene
Schier Liebermann Sommerfeldt. Er lebte bis zu seinem Tode im Jahre 1834 in Putzig,
wo er ein Leinenwarengeschäft betrieb.

Ob er sich Sommerfeldt erst seit der Verordnung vom 11. März 1812 nannte, wonach alle in Preußen
lebenden Juden gezwungen waren, bürgerliche Namen anzunehmen, ist nicht bekannt. Anzunehmen ist aber,
daß er schon vor 1812 Sommerfeldt hieß, da auch seine Frau Lea bereits den bürgerlichen Familiennamen
Riese trug. Es ist jedoch nicht auszuschließen, daß die Heirat nach dem 11. März 1812 erfolgte und Lea
ebenfalls gezwungen war, den Familiennamen Riese anzunehmen.

Arie, der älteste Sohn des Liebermann Sommerfeldt und seine Frau Lea Riese,
wurde 'der Türken-Sommerfeldt' genannt. Er war um 1840 als Orientreisender
für die große Bernsteinfirma Stantien & Becker zu Pferde 'vom Balkan bis Konstantinopel' unterwegs.

Der zweite Sohn Hermann oder Hirsch, wie er sich nannte, nachdem 1848 und 1850 die Einschränkung
aufgehoben war, daß Juden christliche Vornamen führen mußten, kam von Putzig aus nach Storkow
in die Lehre und ging 1841 nach Berlin. Dort erwarb er 1843 das Bürgerrecht und machte sich früh
selbständig. Er besaß in Berlin das größte Geschäft für Herrenmode, und es war für die damalige Zeit
ungewöhnlich, daß er regelmäßig nach Paris fuhr, um die neueste Mode kennenzulernen.
Seine Frau Ida geb. Hirschberg besaß ein Opernglas vom Besuch der Pariser Weltausstellung.

In späteren Jahren war Hermann Sommerfeldt finanziell an der Eisenbahnbau-Firma
Camozzi, Schlösser & Co. beteiligt und war für kurze Zeit
auch Eigentümer des Guts Brottkowitz bei Lübben im Spreewald.

Hermann Sommerfeldt und Ida Hirschberg hatten sieben Kinder:
Elise, Margarete, Anna, Franz, Albert und Paul.

Dieter Sommerfeld (-sd-)

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Beitragvon -sd- » 15.06.2009, 13:57

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Schier Liebermann SOMMERFELDT
* 1775, + 1834 in Putzig, Westpr.,
oo Lea RIESE * Juni 1777, + 3. April 1867.

Sohn:
Aron Arie SOMMERFELD
* am 6. September 1813, + am 15. September 1874,
oo Friederike BORCHARDT * am 12. Juni 1823, + am 4. November 1890.

Tochter der Eheleute Aron und Friederike Sommerfeld:
Helena SOMMERFELD * 26. Juni 1843,
oo Max HORWITZ.

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Schier Liebermann SOMMERFELDT
* 1775, + 1834 in Putzig, Westpr.,
oo Lea RIESE * Juni 1777, + 3. April 1867.

Sohn:
Hirsch (oder Hermann wie er sich später nannte) SOMMERFELD,
Kaufmann / Herrengarderobe,
* 15. März 1816 in Putzig (Westpr.), + am 11. März 1875 in Berlin,
oo am 18. Januar 1853 in Berlin
Ida HIRSCHBERG * am 6. Juni 1830 in Potsdam, + am 3. Dezember 1902 in Berlin.
(Eltern von Ida: Jacob HIRSCHBERG * 18. März 1795 in Potsdam, + 18. Mai 1848 in Potsdam /
Therese BEHREND * 28. Mai 1804 in Landberg / Warthe, + 15. März 1874 in Berlin.)

Sohn der Eheleute Hirsch / Hermann und Ida Sommerfeld:
Franz Jacob SOMMERFELD * am 6. Juni 1860 in Berlin, + am 23. Dezember 1933 in Luckenwalde,
oo am 15. Oktober 1893 in Luckenwalde
Selma Dorothea JOACHIMCZYK (auch JOACHIMERZKY),
Besitzerin eines Konfektionsgeschäfts,
* am 3. Juni 1871 in Bromberg, + am 22. Januar 1943 in Theresienstadt.
Sie wurde am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Sohn der Eheleute Franz und Selma Sommerfeld:
Dr. Hans SOMMERFELD * 24. November 1894 in Luckenwalde, + 24. Mai 1965,
oo am 28. Oktober 1922 in Berlin
Margarete SWOLINZKY * 4. April 1892 in Greifenhagen, Pommern.

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SOMMERFELD in Berliner Judenbürgerbücher 1809-1851.

Beitragvon -sd- » 11.09.2010, 14:29

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Hirsch SOMMERFELD, Disponent, Herrengarderobe-Artikel,
Berlin, Gr. Friedrichstraße 164.

* 15. Juli 1816 in Putzig.


Quelle: 'Die Judenbürger-Bücher der Stadt Berlin 1809-1851'.

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Dr. Hans Sommerfeld.

Beitragvon -sd- » 31.10.2010, 20:02

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Mit Interesse habe ich den Bericht über meinen Onkel gelesen.
http://forum.sommerfeldfamilien.net/viewtopic.php?t=744

Anmerkungen: Das Kind, das in Hagenow in Pflege war, war der Neffe (bei der Geburt verstarb die Mutter,
und unser gemeinsamer Vater war als Zollbeamter völlig überfordert) von Hans und Margarete Sommerfeld.
Der 'Sozialdemokrat Swulinski' war der Schwager von Hans Sommerfeld, Curt Swolinzky.

Mailto: swolinzky-stark(at)online.de

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Klaus SOMMERFELD / Elfriede Elisabeth Martha HEINIG.

Beitragvon -sd- » 31.10.2010, 20:12

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Ich habe das Luther-Nachfahrenbuch durchgearbeitet und festgestellt, daß Klaus SOMMERFELD
* 27. Oktober 1925 in Hagenow, (Sohn des Dr. med. Hans SOMMERFELD, Arzt in Hamburg,
und der Margarethe SMOLINSKY), am 13. August 1952 in Hamburg die Luther-Nachfahrin
Elfriede Elisabeth Martha HEINIG * 07. Juli 1925 in Nordhausen, (Tochter des Major a. D.
Hans HEINIG und der Frieda GEBHARDT) geheiratet hatte. Somit sind alle ihre Nachfahren
auch Luther-Abkömmlinge.

Für nähere Infos stehe ich gerne zur Verfügung.

H.-P. Schmidtke
Mailto: hans-peter.schmidtke(at)gmx.de

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Siehe auch > http://forum.sommerfeldfamilien.net/viewtopic.php?t=744
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Beitragvon -sd- » 23.11.2011, 00:44

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Linde Apel / Frank Bajohr
'Die Deportationen von Juden sowie Sinti und Roma vom Hannoverschen Bahnhof 1940-1945':
http://www.zeitgeschichte-hamburg.de/im ... 390_er.pdf

Auszug aus dem Heft 'Zeitgeschichte in Hamburg', Seite 47:

Bei den ersten Deportationen gelang es einigen noch, im Falle von Krankheiten eine Befreiung
bzw. Aufschiebung des Deportationstermins zu erhalten. So stellte der Arzt Hans Sommerfeld,
der nur noch "zur ärztlichen Behandlung ausschließlich von Juden berechtigt" war, für den
49jährigen Hans Nathan ein Attest über Bronchial-Asthma aus.

Quelle: 'Zeitgeschichte in Hamburg'. 2004.

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Den Hinweis auf den ausführlichen Text 'Die Deportationen von Juden sowie Sinti und Roma
vom Hannoverschen Bahnhof 1940-1945' sowie den obigen Auszug daraus mit dem
Verweis auf Dr. Hans Sommerfeld ist Hans-Dieter Zemke zu verdanken.
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Die jüdischen Familien Sommerfeld und Davidsohn aus Hagenow.

Beitragvon -sd- » 28.11.2011, 13:18

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Zeitensprünge-Projekt 03/11
'Die Geschichte(n) der jüdischen Familien Sommerfeld und Davidsohn aus Hagenow.'


Ev. Schule Hagenow
Augustenstraße 7
19230 Hagenow

Stolpersteine für Hagenow.

In den vergangenen Jahren haben 'Die Zeitenspringer' im Rahmen ihrer Projektarbeit
die Geschichte(n) der jüdischen Familien Sommerfeld und Davidsohn aus Hagenow
erforscht und aufgearbeitet. Entstanden sind interessante, informative und bewegende
Projektdokumentationen über die beiden Familien. Um ihre Projektarbeit weiterzuführen
und vor allem das Schicksal der beiden Familien in der Öffentlichkeit nicht in Vergessenheit
geraten zu lassen, möchten 'Die Zeitenspringer' nun etwas ganz Besonderes beitragen:
Es sollen Stolpersteine für die Familien Davidsohn und Sommerfeld in Hagenow verlegt
werden. Dazu möchten die Jugendlichen ihren aktiven Beitrag leisten: Sie wollen Geld
für die Verlegung der Stolpersteine sammeln und Kontakt zu Gunter Demnig (dem Initiator
dieser bundesweiten Aktion) sowie der Stadtverwaltung aufnehmen, damit das Projektziel -
die Verlegung dieser Gedenksteine - bald verwirklicht werden kann.

Quelle: Stiftung 'Demokratische Jugend'
http://www.jugendstiftung-perspektiven. ... gslust&st=

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Spurensuche - Die jüdische Familie Sommerfeld.

Bereits in den vergangenen Jahren erforschten 'Die Zeitenspringer' Geschichte(n) jüdischer
Familien in Hagenow während der Zeit des Zweiten Weltkrieges. In diesem Jahr wollen die
Jugendlichen die Geschichte des jüdischen Arztes Dr. Sommerfeld und dessen Familie erfor-
schen. Dr. Sommerfeld genoß einen ausgezeichneten Ruf als Mediziner und pflegte umfang-
reiche Kontakte in der Stadt. Auch zu nichtjüdischen Einwohnerinnen und Einwohnern,
welche heute noch von den Jugendlichen als Zeitzeugen befragt werden können.

Mit ihrer Projektarbeit komplettieren 'Die Zeitenspringer' ihre Sammlung 'Jüdische Familien
in Hagenow - die Bilanz einer Spurensuche'. Die Dokumentation wird den Besuchern der
Hagenower Alten Synagoge zugänglich sein.

Ergänzender Hinweis:
Abschlußbericht des Zeitspringer-Projektes 2010
'Spurensuche - Die jüdische Familie Sommerfeld.'

http://www.jugendstiftung-perspektiven. ... gslust&st=

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Dankenswerterweise mitgeteilt von Hans-Dieter Zemke, Kornwestheim.
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Dr. med. Hans Sommerfeld.

Beitragvon -sd- » 01.04.2013, 11:48

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Dr. Sommerfeld überlebte die Nazi-Zeit in Hamburg und betrieb dort nach dem Krieg
in HH-Eppendorf eine Arztpraxis.

http://sommerfeldfamilien.net/sommerfel ... _crop2.jpg

Quelle: 'Fiek'n hätt schräb'n ut Hagenow ...'
Erinnerungen an Kleinstadtsnack aus der Stadt Hagenow.
Heft 10
Herausgeber: Kuno Karls, Hagenow. / Alle Rechte beim Herausgeber.
Die Abbildung zu Dr. med. Hans Sommerfeld stellte Sigrid Sommerfeld zur Verfügung.
(Sigrid heiratete den ältesten Sommerfeld-Sohn Dieter.)

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Erinnerungen an Kleinstadtsnack aus der Stadt Hagenow.
In: 'Fiek'n hätt schräb'n ut Hagenow ...'


Rizinus hat auch nicht geholfen
von Sigrid Sommerfeld aus Hamburg.

Man muß bedenken, in einem Arzthaushalt gibt es ärztliche Schweigepflicht nie. Und wenn die Familie dann mittags
bei Tisch sitzt, will man ja nicht von medizinischen Dingen reden, dann gibt es Erheiterungen über Erlebnisse in der
Praxis. Aber nur erheiternde Sachen, keine, die einen seelisch belasten können. Mein Schwiegervater erzählte uns
mal eine Episode.

Am Ende der Wasserstraße in Hagenow auf der linken Seite war früher ein Gemüsemann K. So ein kleines Männchen.
Er war Nazi, das war bekannt und sonst nicht Patient bei meinem Schwiegervater, dem jüdischen Arzt Dr. Sommerfeld.
Aber eines Tages erschien er schweißgebadet, stöhnend, völlig erledigt, wohl auch krank, in der Praxis bei meinem Schwiegervater. Vorher hatte er schon alle Ärzte in Hagenow konsultiert. Er war Patient bei Dr. Günther, war bei
Dr. Henkel schon gewesen und bei einem dritten ebenfalls. Mein Schwiegervater war nun der letzte, wo er noch hin-
gehen konnte. Er hat sich nicht mal überwinden müssen in seinem Schmerz und seiner Pein, da hat man solche Gefühls-
regungen nicht mehr. Also rauf auf den Untersuchungsstuhl. Er könnte nicht auf die Toilette. Er hätte schon Rizinusöl
genommen, wäre beim Apotheker gewesen und dies und das. Sie hätten ihm Einläufe gemacht und trotzdem könnte
er nicht auf die Toilette und hätte wahnsinnige Schmerzen. Mein Schwiegervater packte ihn auf den Untersuchungs-
stuhl wie beim Gynäkologen - Beine hoch. Erstmal geguckt - der kleine K.

Ohne vorherige Warnung handhabte mein Schwiegervater. Plötzlich schrie dieser K. bestialisch auf, hoch von diesem
Stuhl und leichenblaß, er war fast am Zusammenbrechen. Mein Schwiegervater stand da, hatte in seiner Hand einen
etwa drei bis vier Zentimeter langen, ziemlich breiten, spitzen, wie 'ne Schaufel so breiten Hühnerknochen. Dieser K.
hatte Huhn gefressen, und dieser Knochen war heil und ohne etwas zu verletzen im Darm quer davor gelegt. Das muß
eine Erlösung gewesen sein. Fortan kam K. und Familie ständig zu meinem Schwiegervater.


So etwas machte sie nicht
von Sigrid Sommerfeld aus Hamburg.

Mein Vater war, nachdem er sich hat als Landrat pensionieren lassen, Rechtsanwalt und machte noch in diesem großen Amtsgebäude, wo wir die Dienstwohnung hatten, da oben am Kietz in der Hamburger Straße eine Anwaltspraxis auf.
Später war darin noch eine Jugendherberge. Und wir verzogen in die Bahnhofstraße in das Keller'sche Haus, wo die
Zahnärztin Keller vorher ihre Zahnarztpraxis hatte.

Am Anfang ist man natürlich froh, wenn Klienten kommen. Es ist ja nicht ganz einfach, ist ja noch nie einfach gewesen,
eine Praxis zu eröffnen. Da kam eines Tages so ein langes, dünnes Reck. Ich seh sie noch. Man erlebt ja als Kind diese
Sachen immer hautnah mit, wenn die Wohnung mit einer Kanzlei oder Praxis gekoppelt ist. Also, da kam so ein Reck
angeradelt, für mich war sie damals schon alt. In Wirklichkeit war sie erst kurz verheiratet. Aus Hagenow Heide oder
Kuhstorf. Elfriede hieß sie, das weiß ich noch. Ging alles auf Plattdeutsch, mein Vater sprach wunderbar plattdeutsch.
Sie kam an mit dem Begehren, sofort auf der Stelle von ihrem Mann geschieden zu werden. Na ja, die Verhandlung
fand statt.

Mein Vater hat das später erzählt, als wir erwachsen waren. Sie hatte keinen Grund. Man hat sie ausgehorcht und aus-
gefragt, dies und jenes, ob das so wär. Sie wußte eigentlich gar nicht, sie wollte geschieden werden. "Ja", hat er
gesagt, "das tut mir furchtbar leid, kommen Sie wieder, wenn sie einen triftigen Grund haben !"

Eines Tages kommt sie reingebraust, durch unseren Vorgarten und gleich rein in die Kanzlei: "Herr Rechtsanwalt, Herr Rechtsanwalt - ick häff 'n Grund, ick häff 'n Grund !"
"... Soso", sagt mein Vater, "watt för' n Grund hämm'n Sei denn ?"
"Hei will mi watt, hei will mi watt !"
Die Ehe wurde geschieden, sie haben sich nicht im Bett finden können.


Einhang
von Sigrid Sommerfeld aus Hamburg.

Da man heute nicht mehr so prüde ist, über alles spricht, frei denkt, 'ne natürliche Auffassung hat, was in romanischen
Ländern in den Familien schon immer gewesen ist, kann man das nächste Thema ruhig anschneiden.

Eines Tages hatte mein Schwiegervater nachts einen Anruf. Ein Hilferuf vom Lande, von weit her. Mein Schwieger-
vater hatte damals zwei Wagen, einen Wanderer und einen P 4. Den P 4 hatte er, weil der hohen Radstand hatte,
wenn er durch die Dörfer musste. Die Landwege waren durch die Ackerwagen ziemlich ausgehöhlt und ausgefahren.
Wenn er nachts raus mußte, konnte er im Auto weiterschlafen, für nachts hatte er einen Chauffeur. Wie das Unglück
es wollte, war aber der Chauffeur nicht da. Mein Schwiegervater stand nun vor der Wahl, diesem Hilferuf nachzu-
kommen, alleine hinzufahren oder sich den Fall erstmal schildern zu lassen.

Es wurde ihm geschildert, daß eine junge Bäuerin mit ihrem Knecht ins Bett gestiegen war. Der Bauer war abwesend.
Sie hatte mit dem Knecht ein Verhältnis. Nun war 'was Furchtbares passiert. Sie kriegte während des Geschlechts-
akts einen Scheidenkrampf und nun hingen die beiden wie zwei Maikäfer zusammen und konnten nicht voneinander
lassen.

Wer da angerufen hat, ob da noch jemand im Haus war, oder 'ne Nachbarin, weiß ich nicht. Mein Schwiegervater
solle kommen. Es gibt medizinisch wohl keine andere Lösung, als der Frau eine Spritze zu geben, damit der Scheiden-
krampf sich löst. Mein Schwiegervater war absolut nicht Willens und nicht fähig und übermüdet, um sein Holzbein
anzuschnallen und alleine aufs Land zu fahren. Also machte er den Vorschlag, beide auf einen Leiterwagen zu legen
oder zu setzen. Also wurden sie auf einem Leiterwagen nach Hagenow gefahren in die Praxis meines Schwiegervaters.
Der Leiterwagen polterte an. Meine Schwiegereltern hatten einen großen Torweg, wo die Autos auch durchfuhren,
hinten in die Garagen rein. Meine Schwiegermutter hat schon vorher den Torweg geöffnet. Der Leiterwagen mit
Knecht und Bäuerin ratterte rein, mein Schwiegervater stand schon mit der Spritze da und hat die Spritze gegeben.
Keine fünf Minuten und die beiden waren von ihrer Qual erlöst. Sie haben sich wieder auf den Leiterwagen gesetzt
und sind auf's Dorf zurück gefahren. Diese beiden sind sehr dankbar gewesen. Mein Schwiegervater hat später von
der Bäuerin immer Geflügel, Eier, Butter umsonst gebracht gekriegt, wenn sie mal nach Hagenow reinkam. Das brachte
sie ihm ins Haus.

Quelle:
'Fiek'n hätt schräb'n ut Hagenow ...' / Heft 10
Herausgeber: Kuno Karls, Hagenow.

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