Lager Sandbostel.

Rückblick auf Leben und Schaffen meiner eigenen Familienangehörigen und Vorfahren SOMMERFELD / IBENDAHL ...

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Lager Sandbostel.

Beitragvon -sd- » 04.10.2013, 13:03

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Bilder und Eindrücke vom Lager Sandbostel, in dem unser Vater interniert war:
http://sommerfeldfamilien.net/sommerfeldbilder/lager-sandbostel.jpg

Wegweiser zum Stalag XB Sandbostel.
Wehrmachtspropagandafoto. Undatiert. Um 1940.

Sechs erhaltene Unterkunftsbaracken im Lagerbereich für die sowjetischen Kriegsgefangenen.
Foto: Andreas Ehresmann. 24.02.2009

Wachturm auf der Lagerstraße.
Wehrmachtspropagandafoto. Undatiert. Um 1940.

Blick entlang der Lagerstraße im Stalag XB.
Wehrmachtspropagandafoto. Ohne Datum.

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Seit September 1939 kamen Kriegsgefangene in das Lager Sandbostel bei Bremervörde.
Zunächst in Zelten untergebracht, mußten sie Steingebäude errichten, später wurden auch
Holzbaracken aufgestellt. Gefangene aus Frankreich, Belgien, Serbien, der Sowjetunion
und Italien wurden im Laufe der Jahre eingeliefert. Im April 1945 trafen 10.000 Häftlinge
aus dem KZ Neuengamme ein. Britische Truppen befreiten die Gefangenen am 29. April 1945.

1992 wurden die noch vorhandenen Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Die bisher
provisorische eingerichtete Gedenkstätte wurde 2013 in einer sanierten Baracke auf dem
ehemaligen Lagergelände neu eröffnet. Die Pläne umfassen Dauerausstellungen zur Lager-
geschichte von 1939 bis 1945 und zur wechselvollen Nachkriegsgeschichte sowie die
Sanierung mehrerer Baracken.
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Lager Sandbostel. Lager Westertimke.

Beitragvon -sd- » 19.10.2018, 19:47

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Sandbostel.

Im September 1939 gelangten einige tausend Polen als erste Kriegsgefangene in das abseits
in einer Moorlandschaft zwischen Elbe und Weser gelegene Lager Sandbostel. Im Stalag X B
(Mannschafts-Stammlager B im Wehrkreis X) waren bis zu seiner Befreiung im April 1945
viele Hunderttausende von Menschen aus großen Teilen der Welt untergebracht (manche
nur für einige Tage, andere für mehrere Jahre): Kriegsgefangene, vornehmlich aus der
Sowjetunion, Frankreich, Polen, Jugoslawien und Großbritannien, italienische Militär-
internierte, Angehörige der britischen Handelsmarine, Teilnehmerinnen am Warschauer
Aufstand von 1944 und zuletzt auch etwa 10.000 KZ-Häftlinge. Die Kriegsgefangenen
wurden an zahlreichen Orten in der norddeutschen Kriegswirtschaft eingesetzt.

Zu einem Massensterben durch Hunger, Seuchen, Erschöpfung und Gewalt kam es im Herbst
und Winter 1941/42 unter den sowjetischen Kriegsgefangenen sowie im April/Mai 1945
unter den nach Sandbostel verschleppten KZ-Häftlingen.

Die Toten des Lagers sind auf dem etwa zwei Kilometer östlich des Lagers gelegenen
Friedhof (heute 'Kriegsgräberstätte') beerdigt. Ihre Zahl ist bis heute nicht abschließend
geklärt. Die Schätzungen schwanken zwischen 8.000 und 50.000 Toten.

Auch die Nachkriegsgeschichte ist erwähnenswert: Nachdem die britischen Truppen zu-
nächst mehrere Areale wegen einer Typhusepidemie niedergebrannt hatten, wurden bis
1948 einige tausend SS-und NS-Führer in Sandbostel interniert.

Westertimke.

Während des Zweiten Weltkriegs bestand hier ein Nebenlager des Kriegsgefangenen-
lagers des Wehrkreiskommandos X, in dem Handelsschiffbesatzungen aus 42 Nationen
interniert waren.

Das Lager wurde von 1952 bis 1961 als Notaufnahmelager für weibliche Jugendliche
weiter genutzt und anschließend zur Kaserne einer Luftwaffeneinheit (FlaRakBtl 31)
ausgebaut. Heute befindet sich hier das Gewerbegebiet des Ortes.

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Das Arbeitsumerziehungslager.

Aus den im Lager Tesch und Marinegemeinschaftslager Neuenkirchen seit 1940 zur
Abschreckung in einigen abgetrennten Baracken eingerichteten ,,Arbeitserziehungslagern"
wurde 1943 im südwestlichen Bereich des heutigen Standort Übungsplatz Schwanewede
ein ,,eigenständiges", von der GESTAPO Bremen betriebenes, gebildet. Das Aufnehmen
einer Karotte oder Kartoffel durch Fremdarbeiter, Häftlinge im KZ während des Marsches
zur Baustelle konnte für eine Einweisung ausreichen, ebenso wie ein Witz über Hitler,
oder eben - nach dem 20. Juli 1944 - ehemaliger Kommunist, Sozialdemokrat oder IMI
(,,Jüdischer Mischling I. Grades") zu sein. Seine Funktion aus Sicht der Nationalsozialisten
nannte sich ,,Erziehungslager für Arbeitsuntreue", d.h. für so genannte ,,Arbeitsverweigerer
und arbeitsunlustige Elemente, deren Arbeitsverhalten einer Sabotage gleichkommt". Die
Verhältnisse im Lager waren bewußt erheblich schlimmer und das Verhalten des Wach-
personals grausamer als in einem KZ, um die ,,erziehende Wirkung" zu erzielen. Ernst
Kaltenbrunner, SS-Obergruppenführer und Chef der Sicherheitspolizei und des SD
(Nachfolger des 1943 bei einem Attentat getöteten Heydrich) schrieb im Mai 1944
,,Zunächst darf ich feststellen, daß die Arbeitserziehungslager der Sicherheitspolizei
alles andere als ein Erholungsaufenthalt sind. Die Arbeitsbedingungen und Lebensver-
hältnisse für die Insassen sind im allgemeinen härter, als in einem Konzentrationslager.
Dies ist notwendig, um den gewünschten Zweck zu erreichen und möglich, da die
Unterbringung der einzelnen Schutzhäftlinge im allgemeinen nur wenige Wochen,
höchstens wenige Monate, dauert. Die Einweisung war für höchstens 56 Tage zulässig,
da sie eine ,,Erzieherische Maßnahme" und keine - gerichtlich verhängte - Strafe dar-
stellen sollte. Sie war somit ein reiner Willkürakt der GESTAPO in Zusammenarbeit
mit der Arbeitsverwaltung.

Die Evakuierung.

Die ,,Evakuierung" des Lagers wurde auf zwei Wegen betrieben:

Ein Zug voller ,,Muselmänner" (damit waren von Zwangsarbeit und Unterernährung
ausgemergelte, nicht mehr gehfähige Gefangene gemeint) fuhr am 6. oder 7. April 1945
zur ,,Sonderbehandlung" (damit war i.d.R. die Ermordung gemeint) Richtung Bergen-
Belsen ab, kam dort aber nie an. Nach 7-tägiger Irrfahrt durch Norddeutschland, u.a.
wegen der Bombenschäden und des allgemeinen Untergangschaos, wurde der Zug
am Freitag, den 13. April 1945 in Brillit, ca. 40 km nordostwärts von Schwanewede,
ausgeladen. Von den insgesamt 316 vorübergehend in Brillit bestatteten Toten müssen
169 dem aus Farge stammenden Transport und 147 einem am 14. oder 15. April 1945
aus Neuengamme angekommenen Transport zugerechnet werden. Der überlebende
Rest wurde zu Fuß nach Sandbostel getrieben oder in einer Lorenbahn transportiert.
Diese Toten wurden 1953 exhumiert und - Ironie des Schicksals -, fast wie von den
Nazis geplant, endgültig nach Sandbostel auf die dortige Kriegsgräberanlage umgebettet.

Die gehfähigen Häftlinge wurden vom 11. bis 14. April 1945 im sogenannten ,,Todes-
marsch" zu Fuß über Schwanewede, Meyenburg, Hagen, Beverstedt nach Sandbostel
getrieben. Ein Teil von ihnen gelangte noch auf die Schiffe in der Neustädter Bucht
und wurde am 3. Mai 1945 beim Angriff englischer Jagdbomber getötet.

Während des Marsches nicht mehr gehfähige Häftlinge wurden - in aller Öffentlichkeit -
an Ort und Stelle getötet und i.d.R. mit Benzin übergossen und verbrannt.

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